selbstverständlich.
- irisrabensteiner
- vor 2 Tagen
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Positiver Schwangerschaftstest.
Du platzt vor Glück und Vorfreude.
Selbstverständlich.
Die Schwangerschaft nimmt sich, was sie braucht.
Du bist ausschließlich glücklich und dankbar, schwanger zu sein – auch, wenn dir die Schwangerschaft zeitweise deinen Alltag sehr schwer macht.
Selbstverständlich.
Die Geburt war überwältigend - in jeder Hinsicht.
Dein Baby endlich in den Armen halten zu dürfen macht alles wieder gut – notwendige medizinische Interventionen und damit zusammenhängenden psychischen Probleme inklusive.
Selbstverständlich.
Das Stillen klappt nicht wie gedacht.
Es ist das Beste für dein Kind. Du probierst es weiter, auch wenn deine Brustwarzen bluten und du die Schmerzen eigentlich nicht mehr aushalten kannst.
Selbstverständlich.
Du bleibst Zuhause.
Dein Mann geht arbeiten, während du Job und Karriere hinten anstellst und dich um euer Kind kümmerst.
Selbstverständlich.
Ganz Neue Welt.
Es macht dir nichts aus und du kommst gut damit zurecht, dass sich dein ganzer Alltag verändert, deine Gewohnheiten, dein ganzes Leben.
Selbstverständlich.
Abends keine Pläne oder Verabredungen - über Monate hinweg.
Denn egal ob du stillst oder nicht, du bringst euer Kind ins Bett.
Selbstverständlich.
Eigene Hobbies machen Ferien.
Du pausierst dein Schwimmtraining und deine Yogaausbildung, während dein Freund bei keinem Hockeytraining fehlen kann und bei Männerabenden seine Auszeit braucht.
Selbstverständlich.
Fehlende Privatsphäre.
Du bist jederzeit verfügbar und zur Stelle – auch unter der Dusche und beim Pinkeln, ja selbst beim großen Geschäft.
Selbstverständlich.
Unruhige Nächte.
Du stehst nachts auf, denn egal ob du stillst oder nicht, der Papa muss morgen schließlich ja arbeiten gehen und darum braucht er seinen Schlaf.
Selbstverständlich.
Das Fundament im Familiensystem.
Du schmeißt den gesamten Haushalt und übernimmst die Care-Arbeit, denn dein Mann ist ja erwerbstätig und du bist sowieso daheim.
Selbstverständlich.
Alles im Kopf.
Du denkst an Arzttermine und Impfungen, informierst dich über Beikost und Kindererziehung und hast den Überblick, wann die Windeln leer sind und wann es eine neue Kleidergröße braucht.
Selbstverständlich.
Erinnerungen sammeln.
Du machst Fotos, hältst Meilensteine deiner Kinder fest und gestaltest Fotoalben.
Selbstverständlich.
Da sein und da bleiben.
Du begleitest alle Gefühle von deinen Kindern, die ganz großen und die ganz kleinen und du kümmerst dich um ihre Bedürfnisse, während du für deine eigenen keine Zeit mehr hast.
Selbstverständlich.

Teilzeit arbeiten.
Wenn du zurückkehrst zu deinem Job, dann nur in Teilzeit, während der Vater weiterhin Vollzeit arbeiten geht.
Selbstverständlich.
Krankes Kind.
Du bleibst daheim beim kranken Kind und nimmst Pflegeurlaub.
Selbstverständlich.
Dein Körper hat sich verändert.
Die Tatsache, dass du deine Kinder hast, macht es wett, dass du dich in deinem Körper eigentlich seit deinen Schwangerschaften nicht mehr wohlfühlst.
Selbstverständlich.
...denn du bist die Mutter und Mütter machen das schließlich so.
Selbstverständlich.
Selbstverständlich?
...ist es denn selbstverständlich?
Nein, ist es nicht.
Es ist vielleicht VERSTÄNDLICH, dass viele der eben beschriebenen Szenarien so sind, wie sie sind.
Weil du deine Kinder mehr liebst, als alles auf der Welt und sie das Kostbarste für dich sind.
Weil du als Mutter Verantwortung für deine Rolle übernimmst.
Weil unser System keine Alternative erlaubt.
Weil unsere Gesellschaft keine andere Variante begrüßt.
Weil es so üblich ist.
Und das ist das große Dilemma:
Denn in “selbstverständlich” steckt so viel Erwartbares, außer Frage Stehendes, so viel von vornherein Klares, aus sich selbst heraus verständlich, ohne einer Erklärung bedürfend, DIE logische Folge.
Und gleichzeitig schlummert in jeder Selbstverständlichkeit die Annahme, es würde keiner großen Beachtung bedürfen oder gar Anerkennung, es sei schlichtweg nicht der Rede wert, denn: wie könnte oder sollte es auch anders sein?
Papperlapapp!!
Es kann niemals eine Selbstverständlichkeit sein,
dass wir Leben schenken, Prioritäten setzen, da sind und da bleiben – 24/7,
dass wir Verzicht und Kompromisse leben, während wir einen ganz großen Teil von uns verschenken, um für unsere Kinder und unsere Familie alles zu geben.
Also...
Liebe Nachbarin, lieber Angehöriger, liebe Fremde, lieber Arbeitskollege, liebe Gesellschaft:
hör bitte auf so zu tun, als sei es selbstverständlich!
Danke.



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