ein Jahr.
- 16. Juli
- 2 Min. Lesezeit
Ein Jahr schon.
Gerade noch warst du eine zarte zweite Linie auf einem Test.
Ein vorsichtiges Vielleicht.
Ein Klopfen unter meinem Herzen.
Ein kleines Erdbeben unter meiner Haut.
Ein Neugeborenes in meinen Armen.
Und heute bestaunst du neugierig deine erste Geburtstagskerze.
Beim ersten Kind habe ich die Zeit festgehalten:
Jeden Meilenstein.
Jeden ersten Moment.
Bei dir ist sie durch meine Finger geronnen.
Du bist einfach mitgewachsen.
Ganz leise.
Ja, fast schon heimlich.
Zwischen all den "ich bin gleich bei dir",
den schnellen Küssen,
den Armen, die oft schon besetzt waren.
Zwischen den ewigen To-Dos,
den Wäschebergen,
den Bedürfnissen eines größeren kleinen
und eines winzigen Menschleins.
Nicht etwa, weil du weniger wichtig warst,
sondern weil das Leben mit zwei Kindern Zeit verschluckt,
während man sie eigentlich angehalten bräuchte.

Ich freue mich.
Dass dein Körper wächst und du dich weiterentwickelst.
Dass dein Mut größer wird und deine Welt weiter.
Freue mich über dein Lachen, das lauter klingt.
Über dein Wesen, das zur eigenen Persönlichkeit geworden ist.
Und doch zieht da etwas an meinem Herzen.
Denn mit jedem Entwicklungsschritt geht auch etwas.
Ein Laut.
Eine Geste.
Ein Moment "Baby", der nie wiederkommt.
Und ich sammle sie, die Erinnerungen -
immer in der Hoffnung, sie könnten die Zeit ein wenig aufhalten oder zumindest einfangen.
Für später.
Für ein Morgen.
Für ein Leben, in dem du mich nicht mehr so brauchen wirst.
Denn ich weiß:
Kinder wachsen nicht langsam.
Sie wachsen während wir kurz wegsehen.
Während wir dem großen Kind die Schuhe zubinden.
Das Abendessen kochen.
Den Alltag zusammenhalten.
Manche Abschiede bemerkt man erst, wenn sie längst vorbei sind.
Und plötzlich steht da kein Baby mehr,
sondern du:
ein kleiner Mensch mit großen Augen
und einer eigenen Zukunft,
die schon begonnen hat.
Heute feiern wir deinen ersten Geburtstag.
Ein Jahr schon.
Vorbeigegangen, bevor mein Herz begreifen konnte,
dass es überhaupt erst begonnen hat.



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